Feminismus 101

Thematische Feminismen

Um einen wenig Struktur in das „Chaos“ der verschiedensten Feminismen zu bringen, empfehlen sich zwei Denkbilder: Das der Wellen des Feminismus und das der thematischen Feminismen.

Liberaler Feminismus

Wie der Name schon andeutet, handelt es sich bei dieser Strömung des Feminismus um eine dem politischen Liberalismus angelehnte Denkweise. Hier dreht sich also alles um persönliche Freiheiten, politische Rechte und die Teilhabe am öffentlichen Leben. Für liberale Feministinnen erklärt sich die Unterdrückung der Frau in erster Linie dadurch, dass sie nach wie vor mit dem privaten und nicht mit dem öffentlichen Raum assoziiert wird. Dadurch wird ihr der Zugang zu Orten der Macht und politische Mitbestimmung verwehrt und die gleiche Teilhabe am öffentlichen und wirtschaftlichen Leben unmöglich gemacht. Somit sucht der liberale Feminismus die Problematik der Ungleichheit auf legalem Weg zu klären und argumentiert vor allem mit dem Recht der Frauen auf vollen Genuss aller Menschenrechte, z.B. Recht auf Bildung, Recht auf gleiche Bezahlung und Wahlrecht.

Kritische Stimmen klagen am Liberalen Feminismus vor allem an, dass er nur die Eingliederung von Frauen in das patriarchale System fordere, nicht jedoch den Umbruch eines solchen Gesellschaftssystem. Mit anderen Worten, Frauen mögen zu Männern werden, um den öffentlichen Raum genießen zu können, aber die Idee wird nicht verfolgt, dass der öffentliche Raum sich ändern muss, damit auch Frauen ihn genießen können.

Radikaler Feminismus

Im radikalen Feminismus wird die Benachteiligung und Unterdrückung der Frau dem Patriarchat zugeschrieben. Patriarchat bedeutet hier nicht im wörtlichen Sinne „Herrschaft des Vaters“, sondern steht für eine Machtstruktur, die die primäre politische, religiöse und soziale Autorität in die Hände von Männern legt. Anhängerinnen des radikalen Feminismus, wie Andrea Dworkin, Mary Daly und Co. gehen davon aus, dass patriarchale Strukturen jegliche Form der sozialen Interaktion vergiftet haben und die Unterdrückung der Frauen sich durch männliche Kontrolle im Privaten wie Politischen manifestiert. Somit ist für den radikalen Feminismus die Erforschung und Beendigung von Gewalt gegen Frauen ein zentrales Thema.

Doch auch innerhalb des radikalen Feminismus gibt es Unterschiede. Radikale Liberalistinnen konzentrieren sich speziell auf die reproduktive Rolle der Frau und fordern, z.B. durch Abtreibungs- und Verhütungsmöglichkeiten, eine vollkommen freie Selbstbestimmung der Frau, was ihren Körper, reproduktiven Tätigkeiten und Sexualität angeht. Radikale Kulturalistinnen hingegen verlangen nach einer radikalen Veränderung unserer kulturellen Wahrnehmung von Femininitäten und Maskulinitäten. Hiermit ist gemeint, dass wir als Gesellschaft bestimmte Charaktereigenschaften tendenziell eher als maskulin und andere eher als feminin einstufen und automatisch einem Geschlecht zuschreiben. Männer sind stark, Frauen sind empathisch. Frauen sind emotional, Männer sind rational. Nicht nur, dass eine solche geschlechtsspezifische Zuschreibung meist der Realität vieler Individuen wiederspricht, radikale Feministinnen dieser Gruppe kritisieren auch, dass Frauen hier oft schwächere, negativ bewertete Eigenschaften zugeschrieben werden, die ihre Unterdrückung legitimieren und reproduzieren.

Problematisch am radikalen Feminismus ist vor allem eins, er schließt andere Feministinnen und Frauen, die nicht bereit sind gleichermaßen radikal zu denken und zu agieren, oft aus. Viele Kritiker*innen werfen ihm außerdem vor, besonders aggressiv und männerfeindlich zu sein, was nicht wirklich zutrifft. Er ist radikal und radikal stößt vor den Kopf und auf Widerstand, das heißt aber nicht, dass radikaler Feminismus nicht seine Berechtigung hätte. Also Vorsicht, unter die Kritik am Radikalen Feminismus mischen sich auch gerne mal Stimmen der Misogynie und des Chauvinismus.

Marxistischer Feminismus

Basierend auf Karl Marx Klassentheorie und Kapitalismuskritik sind Feministinnen dieser Strömung davon überzeugt, dass die Unterdrückung der Frau im Kapitalismus liegt. Angelehnt an Engels’ Aussage, der Wandel in der Produktion habe die Verschiebung von Familienstrukturen bedingt, fordern marxistische Feministinnen in erster Linie die Bezahlung von Hausarbeit. In einer Welt, in der Frauen im Vergleich zu Männern im Schnitt täglich zwischen ein bis drei Stunden mehr für Hausarbeit und zwischen ein bis fünf Stunden mehr Zeit für unbezahlte Betreuungsarbeit ( Pflege von Kindern und anderen Verwandten) leisten, aber Vermögen unseren gesellschaftlichen Status und Machtverhältnisse bestimmen, scheint ein Ungleichgewicht der Geschlechter deutlich. Im marxistisch feministischen Diskurs werden also Frauen als Klasse charakterisiert und die Abschaffung von Klassen und Privateigentum mit der Befreiung von Frauen gleichgesetzt. Kritiker*innen kreiden deshalb dieser Strömung an, dass sie Kapitalismus als einziges und größtes Übel identifiziere und das Patriachat nur als Folge des Kapitalismus betrachte.

Sozialistischer Feminismus

Irgendwo zwischen Marxistischem und Radikalem Feminismus verankert argumentieren sozialistische Feministinnen, dass weder das Patriarchat noch der Kapitalismus alleine für das bestehende Geschlechterungleichgewicht zwischen Männern und Frauen verantwortlich zu machen sei. Stattdessen suchen Feministinnen wie Iris Marion Young und Alice Jagger, das Zusammenspiel dieser beiden unterdrückenden Gesellschaftsformen aufzudecken. Es ist das Zusammentreffen von Klassenmacht und sexueller Macht (Alice Jagger), das Frauen unterdrückt und benachteiligt. So plädiert Iris Marion Young z.B. für eine umfassende Theorie, deren Gesellschaftskritik weder ausschließlich durch eine Gender- noch durch eine Klassenbrille betrachtet wurde. Somit steht die Ausbeutung und Kommerzialisierung weiblicher Körper (z.B. in der Werbung) genauso im Fokus, wie die direkte Ausbeutung weiblicher Arbeitskräfte auf dem sekundären Arbeitsmarkt. Gefangen in dieser Dichotomie bietet der sozialistische Feminismus keine vergleichbar einfache Lösung wie liberaler, radikaler und marxistischer Feminismus dies versuchen. Im Gegenteil, sozialistische Feministinnen decken auf, dass Wirtschaft nicht Gesinnungen und Gesinnungen noch lange nicht Wirtschaft verändern und somit das feministische Bestreben ein langwieriges und komplexes Unterfangen ist.