Ein Einblick in das Projekt

Shame_SHAME

“Scham ist ein affektives Äquivalent von Zurückweisung und Missachtung [sic], die in einer Situation besonderer Bedürftigkeit erfahren wird und sich – wirklich oder vermeintlich – nicht auf Regelverstöße, sondern auf die gesamte, vom Individuum nicht willkürlich beeinflußbare [sic] Eigenart seines Selbst bezieht (oder jedenfalls vom Individuum selbst auf dieses bezogen wird).”[1]

Solche oder ähnliche Definitionen von Scham lassen sich in themenspezifischer Literatur finden. Aber wissen wir nicht selbst schon intuitiv sehr gut, was Scham eigentlich ist? Wir brainstormen, suchen nach Erkenntnissen von Scham und problematisieren viele ihrer Auslöser – aber nicht beschämt – ab heute wird SCHAM großgeschrieben!

Wir, das ist eine Gruppe von Frauen* aus Frankfurt a.M., die sich dem eigenen SCHAMgefühl widmet.

Inspiriert wurden wir von einem Shame-Videoprojekt aus anderen Ländern, das SCHAM unter dem Blickpunkt des globalen Patriarchats als Kontrollfunktion von Frauen benennt und Frauen in ihren je eigenen Situationen nun zu diesem Thema zu Wort kommen lässt..

Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit dem SCHAMgefühl spezifisch bei Frauen, bzw. bei unserer Gruppe von Frauen oder auch mit berühmten Free Bleeding-Beispielen wie der Marathonläuferin Kiran Gandhi.

Unsere Methoden sind Intuition, Reflexion, Konterkarikatur und Konfrontation. Reflexion zum einen über Auslöser von SCHAM, zum anderen was dieses SCHAMgefühl wiederum bei uns auslöst.Intuitives Sprechen darüber was SCHAM überhaupt bedeutet. Konfrontation nach außen durch einen Kurzfilm und der Präsentation von Fotos (evtl.), aber auch Konfrontation von uns selbst, durch die Begehung von schambehafteten Orten und das symbolische Loslassen von einem individuellen Thema bezüglich des SCHAMgefühls.

In intimer kleiner Gruppe und zwischen den vier Wänden des EVA Frauenzentrums wird erzählt, gelacht, geschimpft, sich beschwert und nachgedacht, auch SCHAM ist hier willkommen. Aber wir werden auch konkrete Orte aufsuchen, die häufig mit SCHAM verbunden sind oder an denen bestimmte Verhaltensweisen typisch sind und ein abweichendes Verhalten SCHAM auslösen kann.

Warum wir uns als Frauen damit beschäftigen ist auch eine Metaebene, die bei unseren Gesprächen mitschwingt. Entdecken wir eine frauenspezifische SCHAM? Sind Frauen von mehr oder anderer BeSCHÄMung betroffen? Und kann dies gar nicht anders sein, wenn wir uns unserer Geschlechterrolle gar nicht entziehen können? Dies zu Konterkarieren impliziert auch immer das sozial erwünschte Verhalten zum dargestellten Gegensatz.

Wir erlernen zum einen, was als unangemessen gilt und wie das Gefühl von SCHAM dieses sozial unerwünschte Verhalten unterdrückt. Zum anderen können auch Bewertungen unserer Handlungsweisen durch andere Personen ein SCHAMgefühl begünstigen. – sei es bezogen auf Kleidung oder Körpersprache, mit welcher ebenfalls kommunikatives Handeln stattfinden kann. Diese Fremdbestimmtheit kann uns auch wieder beschämen. Das wäre dann sozusagen “SCHÄMEN sich beSCHÄMen zu lassen”. Somit erachten wir auch eine Konfrontation mit unserem Umfeld als wichtig, auch wenn das erstmal nur in einem kleinen Rahmen stattfinden kann. Doch wie bereits anfangs erwähnt, gibt es das Videoprojekt Shame bereits in anderen Ländern – spread the word!

Ein paar Stündchen des kreativen Austauschs sind bereits erfolgt und weitere werden noch auf uns zukommen, wobei wir uns intensiven Grübeleien über filmische Inszenierung und gewollten Inhalten an mehreren Wochenenden hingeben.

Wir wollen uns nicht in utopische Sphären begeben und jegliche SCHAM überwinden. Es bleibt bei einem Bewusstsein, dass das eigene Projekt SCHAM nie abgeschlossen sein wird. Möglicherweise erleichtert eine Enttabuisierung den Umgang mit SCHAM oder entmystifiziert sie, indem ihre Auslöser neu bewertet werden können. Konkret soll das Ende dieses Projekts mit einem filmischen Produkt besiegelt werden. Wir drehen einen Trailer zu einem imaginären Film, der sich der Thematik von SCHAM widmet und Zuschauer*innen mit dem Thema konfrontiert und unseren eigenen Umgang vorstellbar macht.

 

[1] Bastian, Till (1998): Der Blick, die Scham, das Gefühl. Eine Anthropologie des Verkannten.Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht, S. 50.